Skip to main content

Ein verwirrender Konflikt: Geht Recht eigentlich digital?

Es ist einhellige Meinung, dass die Zukunft des Rechts digital ist, schließlich ist es selbst die Gegenwart zu großen Teilen schon. Doch dann ist da immer der Blick nach vorne und die Frage, ob aus ChatGPT irgendwann so ein fähiges Tool entwickelt werden kann, dass zumindest ein Großteil anwaltlicher Arbeit wegfällt. Es ist die altbekannte Gratwanderung zwischen Zukunftsverschlossenheit und Futurismus bzw. Dystopien. Dieser Artikel möchte neutral und sachlich versuchen, die Zukunft der Anwälte zu zeichnen und dabei strikt zwischen den Extremen zu trennen. Es sollen dennoch alle Möglichkeiten beleuchtet werden – jedoch mit Lösungsorientierung statt Panikmache. Eine Glaskugel hat auch leider dieser Beitrag nicht zur Verfügung und so bleibt es Spekulation, ob/wie die erwartete Disruption stattfinden wird.

Die Basics

Erst einmal ist es wichtig, dass alle vom gleichen Grundniveau ausgehen: Digitalisierung heißt, dass Arbeitsprozesse teilweise oder vollständig von „digitalen Helferlein“ übernommen oder erleichtert werden. Das ist sehr breit und umfasst je nach Definition bereits Portale wie Beck-Online. Diese Digitalisierung hat bereits vor einiger Zeit begonnen, wobei das beA wohl der erste Gedanke ist. Noch rudimentärer gedacht ist es aber auch ein Word-Dokument!

Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, wieviel Technik eigentlich heute schon in so gut wie jeder Kanzlei genutzt wird. Hier bietet sich stets der Vergleich zu vor 50 Jahren an und schon findet man wohl vertraute Prozesse, die damals völlig anders liefen. Dies kann den Begriff Digitalisierung etwas greifbarer machen und oberflächliche Angst nehmen.

„Disruption“

Aber so simpel und angenehm blieb die Debatte um Legal Tech leider nicht. Schon bald wurde das Ende es Anwaltsberufs prophezeit oder aber eine Disruption heraufbeschworen, die einem Weltuntergang gleichkam. Nicht selten konnte man gerade in der ersten heißen Phase vor 5 bis 10 Jahren sozusagen Hollywood-Skripte für dystopische Apokolypsen-Filme samt Machtübernahme der Maschinen und Ausrottung der Menschheit lesen – und das alles wegen Legal Tech.

Das hat zu zwei Ergebnissen geführt: Die einen haben hiervon tatsächlich Angst bekommen. Sie konnten die technischen Veränderungen ohnehin nie wirklich greifen und verweigerten sich ab diesem Punkt jeglicher Kleinigkeit an zusätzlicher Technik. Andere hingegen waren schlicht genervt. Eine dauernde Panikmache verliert sehr schnell ihren Reiz und führt eher dazu, dass teils valide Argumente nicht mehr ernst genommen werden.

Beide Reaktionen sind verständlich, aber auch sehr schade. Denn mit einem sachlich-fundierten und ruhigen Blick auf die Dinge zeigt sich ein völlig anderes Bild.

Extrempunkt 1: Weltuntergang

Nun soll aber doch den beiden Extrem einmal nachgefühlt werden. Was wäre, wenn denn nun tatsächlich die Digitalisierung des Rechts zu einem Kontrollverlust führt? Was spricht dafür und was dagegen? Und wie könnte diese Zukunft realistisch aussehen?

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass diese Gedanken geradezu naheliegend sind. Es geht bei der Justiz um eine tragende Säule der Rechtsstaatlichkeit und damit um ein entscheidendes Prinzip einer freiheitlichen Machtausübung durch das Volk. Sobald die Integrität der Justiz beschädigt ist, gibt es Spielräume für einseitige Angriffe auf die Freiheit, etwa durch eine Machtübernahme. Die Kontrolle über Recht und Unrecht zu verlieren ist also einschneidend. Diese jedoch an „Maschinen“ zu verlieren ist umso mehr besorgniserregend, da diese dann willkürlich über das Schicksal von Menschen entscheiden könnten.

Extrempunkt 2: Das ist doch nur ein Trend

Andererseits wird vertreten, dass Legal Tech sich auf lange Sicht nicht einmal in Kanzleien durchsetzen werde. In ein paar Jahren sei der Trend vorbei und es werde dann wieder analog gearbeitet. Wie wahrscheinlich ist das?

Nun ja, irgendwo ist es hierfür schon zu spät. Denn schon vor 10 Jahren wurde digitalen Tools nicht mehr als eine dreijährige Lebenserwartung zugesprochen. Gleichzeitig ist aber anzuerkennen, dass viele sich allzu gerne in einem großen Hype verlieren. Dann werden eben unrealistische Prognosen gestellt, die sich schließlich als völlig übertrieben herausstellen. Und so schnell wie manch ein Hype kommt, so schnell verschwindet er manchmal auch. Und so wie wir bisher auf fliegende Autos als Standard-Taxi warten, soll es eben auch niemals zu einer digitalen Justiz kommen. Schließlich eignet sich eine so durch menschliche Begutachtung geprägte Tätigkeit wie die des Anwalts auch gar nicht für Algorithmen.

Techpresso Newsletter

  • In unserem Techpresso-Newsletter ordnen wir aktuelle Entwicklungen aus der Legal-Tech Welt kurz für Sie ein.
  • 14-tägige Updates – Kein Spam, nur das Wesentliche!

Jetzt abonnieren

Was wird passieren?

Einerseits sieht man schon heute, dass KI in der Lage ist, auf juristische Fragen die richtigen Antworten zu geben. Das bedeutet nicht, dass zwingend auch ein Verständnis für die juristische Problematik vorhanden ist. Dieses Verständnis benötigt der Mandant aber regelmäßig auch gar nicht, sondern lediglich die gewünschte Antwort.

Nötig wird das Verständnis aber bei Rechtsfortbildung und analogen Anwendungen. Alles was neu ist, kann nur über ein Systemverständnis argumentativ entwickelt werden. Doch auch hier ist in Zukunft nicht ausgeschlossen, dass KI-Modelle ihre Fähigkeiten so weit entwickeln können, dass es einem Verständnis von Jura gleichkommt.

Schließlich leiben wie so oft noch Emotionen und menschliche Bewertung. Allerdings ist zu beachten, dass Jura sehr viel Wert darauf legt, genau diese menschlichen Faktoren zu eliminieren. Es werden objektive Wertmaßstäbe oder gefestigte Rechtsprechungs-Fallgruppen herangezogen. Schlussendlich werden § 242 BGB und Co allerdings immer menschlich „ausgefüllt“ und dies fällt der KI bisher schwer.

Was jedoch mittlerweile klar sein sollte: Basics wie eine Kanzleisoftware werden nicht mehr gehen. Sie erleichtern die Arbeit in so vielen Aspekten, dass überhaupt kein Grund besteht, warum sie als reiner Trend wieder verschwinden sollten.

Kostenlosen Demotermin buchen

Registrieren Sie sich und wir kontaktieren Sie, um einen Demotermin zu vereinbaren.