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Legal Tech in den Rechtsgebieten: Familienrecht

Das Familienrecht bietet die Möglichkeit einer Analyse von Legal Tech par excellence: Einerseits geht es ständig um Zahlen und Berechnungen – und andererseits doch um so viel mehr. Menschliche Beziehungen werden hier so deutlich, wie sonst im Zivilrecht selten. Dennoch geht es vor Gericht meist wenig um die Beziehungen an sich, sondern um Geld. Damit ist das Familienrecht prädestiniert für Algorithmen zur Berechnung von Unterhalt und gleichzeitig interessantes Experimentier-Feld für Legal Tech in einem stets persönlichen und individuellen, menschenbezogenen Mandat, das eigentlich eine gewöhnliche Standardisierung verbietet.

1. Familienrecht war Vorreiter in der Digitalisierung

Ja, tatsächlich war das Familienrecht eines der ersten Rechtsgebiete, das offen und ehrlich menschliche Anwaltsarbeit mit Technik ersetzte. Der Weg zu dieser Offenheit steht dabei exemplarisch für wohl alle Rechtsgebiete und die heutige Entwicklung:

Der Grund, weshalb gerade das Familienrecht so früh mit der Digitalisierung begann, liegt auf der Hand. Zugewinn, Unterhalt, Steuern, Vermögen und Versorgungsanwartschaft. All dies wird mit feststehenden Formeln (Alter X und Vermögen Y führt zu Unterhalt Z) berechnet.1 Seit es Taschenrechner gibt, wird dies nicht mehr auf dem Papier ausgerechnet. Doch seit Anfang des Jahrhunderts gibt es eben auch Software, bei der die Formel im Hintergrund hinterlegt ist und nach simpler Eingabe der Variablen das Ergebnis ausgespuckt wird. Grundlage ist der Simplizität die bekannte Düsseldorfer Tabelle2.

2. Klassischer Integrationsverlauf neuer Technologie

Zu Beginn war es jedoch verpönt, statt echter Hand-Arbeit die Maschine rechnen zu lassen. Und erst Recht durfte dies nicht der Mandant erfahren, das wäre ja peinlich. Vor allem wäre es aber bei längeren oder häufigen Rechnungen auch ein Abrechnungsproblem. Wie sollte man die bisherige Zeit weiterhin abrechnen, wenn nun der Vorgang so viel schneller geht?

Nach Meising kam die Wende spätestens mit einem Urteil des BGH, der nicht etwa die technologische Hilfe vorschrieb. nein, es reichte, dass in seiner Entscheidung klar die Formatvorlage eines bekannten Software-Anbieters zu erkennen war.3 Von nun an wurde der Einsatz großflächiger und schließlich erreichte er aus Konkurrenzgründen jede Kanzlei.

Diese Entwicklung kann auf jede neue Technologie und auf Legal Tech in jedem Rechtsgebiet übertragen werden. Schließlich ist etwa auch das Steuerrecht und auch sonst viel Zivilrecht mit repetitiven Berechnungen nur so gefüllt. Jeder Anfang ist schwer, doch Stück für Stück integriert sich die technische Hilfe zwangsläufig dann doch.

3. Heutige Sicht

Wenn man nun von Legal Tech schreibt und doch eigentlich eine einfache Excel-Formel meint, wirkt das doch etwas hoch gegriffen. Doch für damalige Verhältnisse war ja selbst diese Neuerung zu viel. Heute würde es jeder Mandant merkwürdig finden, wenn der Familienrechtler vor ihm die schriftliche Multiplikation üben würde, um seinen etwaigen Unterhaltsanspruch auszurechnen.

Doch folgt man diesem Prinzip, dann stellt sich unweigerlich folgende Frage: Wird das nicht auch für heute Neuerungen in 20 Jahren gelten? Natürlich! Der Umgang mit Legal Tech wird selbstverständlicher werden und irgendwann nicht mehr wegzudenken sein. Dabei geht es heute natürlich um komplexere Disruptionen als Formelberechnung. Auf interessante Weise ist das FamR also eines der ersten Rechtsgebiete gewesen, das Legal Tech in seiner einfachsten Form einsetzte, doch heute scheint es fast unmöglich, noch mehr zu digitalisieren.

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4. Der logische nächste Schritt

Nun hat das Familienrecht aber eben eine Besonderheit: Einerseits gibt es simple Zahlen-Komponenten und auf der anderen Seite aber eine höchst menschenbezogene Arbeitsweise. Ein Sorgerechtsstreit lässt sich nicht ausrechnen, also wie könnte heute ein Algorithmus noch weitere Veränderungen bringen, wenn doch Rechenhilfen schon lange Alltag sind?

Erstens können diese Formeln verbessert werden. Heute ist doch noch einiges juristisches Hintergrundwissen beim Anwenden selbiger nötig. Ließe sich dies durch KI so weit vereinfachen, dass Mandanten mit 20 Klicks und Eingabefeldern selbst ihre Frage beantworten können, dann ist das ein enormer Schritt, wie man ihn schon aus anderen Rechtsgebieten kennt. Allein schon ein leichtes Vergleichs-Tool, mit dem verschiedene Alternativen übersichtlich dargestellt werden können, bedeuten für den Laien eine angenehmere Beratungs-Erfahrung. In der heutigen Dienstleistungsgesellschaft ist das ein unterschätzter Faktor.

5. Der gewagte nächste Schritt

Doch es geht wohl noch mehr: Aus den USA ist eine App bekannt, die für Trennungs-Familien die juristische Komponente für die Kindesbetreuung vereinfacht. Und mehr braucht es ja gar nicht! Vereinfachung ist das Stichwort der Digitalisierung und wird von den Kunden/Mandanten sehr geschätzt. Der Artikel „Wie kann Legal Tech die Veränderung von Beziehungssystemen begleiten?“ beschreibt hierbei, dass etwa bei dieser App „es nicht so sehr auf das Berechnungspotenzial der Software an[kommt], sondern auf das Transparenz-Potenzial der Digitalisierung“4 So wird den Beteiligten der aufwendige, stressige und alltags-unfreundliche Kontakt zum Familiengericht bzw. dem Familienanwalt erleichtert, indem Zeiten, Konversationen und sonstiges getrackt wird und finanzielle Bedürfnisse übersichtlicher werden.

Hiervon wird es wohl bald immer mehr geben, auch in Deutschland. Ei Tabu-Bruch der anwaltlichen sorgfältigen Betreuung? Oder eben doch nur in 20 Jahren eine Selbstverständlichkeit?

Übrigens: Neben diesen Besonderheiten gelten die Klassiker der Kosteneffizienz des Legal Techs (etwa eine Kanzleisoftware) natürlich auch im FamR!

  1. Ulrike Meising, „Legal Tech im Familienrecht: Was Software im unberechenbaren Familienleben berechnen kann“, 2020. Abgerufen hier. ↩︎
  2. Siehe etwa OLG Düsseldorf für 2024 hier. ↩︎
  3. Ulrike Meising, „Legal Tech im Familienrecht: Was Software im unberechenbaren Familienleben berechnen kann“, 2020. Abgerufen hier. ↩︎
  4. Ulrike Meising, „Wie kann Legal Tech die Veränderung von Beziehungssystemen begleiten?“, 2020. Abgerufen hier. ↩︎

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