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Predictive Analytics – Vorsprung durch KI?

Die Nutzung von KI durch die Anwaltschaft steckt noch in den Kinderschuhen. Zu groß ist die Angst vor Haftungsrisiken, (meist) zu gering das tiefere Verständnis von den Vorgängen in der Software. Doch welche Chancen kann KI dem modernen Anwalt bieten? In diesem Beitrag wollen wir auf Predictive Analytics eingehen. Welchen Mehrwert bietet der Einsatz solcher Analyseprogramme?

1. Wie funktioniert Predictive Analytics?

Anhand großer Datenmengen und vergleichbarer Sachverhalte lassen sich Entscheidungen vorhersagen. Wer an der Quelle dieser Daten sitzt, kann quasi in die Zukunft blicken – sofern er weiß, wie diese Daten zu interpretieren sind. Ohne Weiteres lässt sich schon durch das Internetverhalten von Nutzern deren Sexualität oder eine Schwangerschaft vorhersagen. Predicitve Analytics greift diesen Ansatz auf. Hier werden historische Daten zur Erstellung von Prognosen für künftige Entwicklungen verwendet. Dazu wird zunächst der Sachverhalt des Mandanten erfasst und in das Programm eingegeben. Dann errechnet die KI-basierte Software anhand vergleichbarer Fälle, passender Literatur und Fakten die Erfolgswahrscheinlichkeit des aktuellen Falls. 

2. Vorhersage von Gerichtsentscheidungen

Ein Anwendungsbereich von Predictive Analytics ist schon heute die Vorhersage von Gerichtsentscheidungen. So existieren schon heute Systeme, die die Entscheidungen des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte oder des Supreme Court der Vereinigten Staaten mit einer 70-80 % Wahrscheinlichkeit vorhersagen können.[1] Ganz übertragbar sind die Ansätze dieser Systeme aufgrund der zum Teil verschiedenen Rechtstraditionen jedoch nicht.

Einen personalisierteren Ansatz verfolgen Systeme wie Ravel Law. Hier wird unmittelbar das Entscheidungsverhalten von US-Richtern erfasst und historisch aufgearbeitet.[2] Anhand der so errechneten Modelle lässt sich die Wahrscheinlichkeit der Entscheidung eines Richters noch präziser vorhersagen. Die Risiken dieser Entwicklung liegen auf der Hand: Kein Richter sieht sich gerne einer intensiven Analyse seiner Arbeit ausgesetzt. Eine mögliche Unausgewogenheit der Entscheidungen könnte so viel leichter ans Tageslicht gebracht werden. Aus den Bedenken gegenüber dem Einsatz von Predictive Analytics hat Frankreich schon seine Konsequenzen gezogen: 2019 wurde ein Gesetz mit folgendem Wortlaut erlassen:

„Die Identitätsdaten von Richtern und Angehörigen der Justiz dürfen nicht mit dem Ziel oder der Wirkung der Bewertung, Analyse, des Vergleichs oder der Vorhersage ihrer tatsächlichen oder angeblichen Berufspraktiken wiederverwendet werden.“

Über die Begründung für dieses Gesetz lässt sich nur mutmaßen, jedoch steht die Entdeckung von biases in der französischen Justiz im Verdacht, ein treibender Faktor für das Verbot gewesen zu sein.[3]

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3. Entlastung der Justiz

Auch die Seite der Justiz könnte von Predictive Analytics profitieren. Dass unsere Gerichte völlig überarbeitet sind, ist durch die neuere Berichterstattung hinreichend bekannt. Der Einsatz von KI wird heute vereinzelt an deutschen Gerichten getestet[4] und das Potenzial ist groß: Werden Richter bei ihrer Entscheidungsfindung durch Predictive Analytics unterstützt und sucht diese Software beispielsweise vergleichbare Fälle heraus oder analysiert die Beweismittel automatisiert, könnte sich der Richter intensiv der juristischen Arbeit und differenzierten Entscheidungsfindung widmen. Doch besonders im Bereich der Justiz ist die Skepsis gegenüber solchen Systemen noch größer, da hier stets auch grundrechtliche Grenzen wie das Recht auf einen gesetzlichen Richter gem. Art. 101 Abs. 1 GG und der Anspruch auf rechtliches Gehör gem. Art 103 Abs. 1 GG beachtet werden müssen. Spätestens dann, wenn die Entscheidung einer KI nicht mehr nachvollziehbar ist, ein sog. Black-Box-Problem auftritt, dürften die Grenzen des Einsatzes von Predictive Analytics erreicht sein.[5]

4. Kostenschätzung

Anhand der Vorhersagen von Gerichtsentscheidungen lassen sich dann auch die Erfolgschancen im Prozess einschätzen. Solch eine fundierte Einschätzung ist in verschiedenen Aspekten wertvoll. Einerseits können Prozessfinanzierer anhand der Daten eine fundierte Entscheidung über das Risiko einer Finanzierung treffen. Andererseits können Anwälte ihren Mandanten mit konkreten Zahlen und Fakten über die Erfolgswahrscheinlichkeiten eines Prozesses noch besser beraten. 

Sollten sich Predictive Analytics Systeme in Zukunft erfolgreich am Markt behaupten, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Anwaltschaft um deren Einsatz nicht mehr herumkommen wird. Zu groß sind die Wettbewerbsvorteile und Erwartungshaltung der Mandantschaft, die mit dem Einsatz dieser Systeme verbunden sind. 

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5. Wie fange ich an?

Wie kann mit dem Einsatz von Predictive Analytics angefangen werden? Große Kanzleien wie Baker McKinsey setzen schon heute Systeme zur Risikoanalyse und Kostenvorhersage ein. Bei diesen großen Kanzleien spielen Kosten in der Regel eine geringere Rolle und der Anwendungsbereich der Software ist groß genug, dass sich eine Eigenentwicklung oftmals lohnt.

Für kleinere Kanzleien ist die Eigenentwicklung in der Regel keine Option. Data-Science Talente sind teuer, eigene Angestellte haben nicht das nötige Know-how. Allein bei Themenfeldern, für die es noch keine Anwendungen gibt und aufgrund eines kleinen Marktes auch nicht geben wird, könnte sich die Eigenentwicklung (ggf. in Zusammenarbeit mit anderen Kanzleien) noch lohnen, da die genannten Effizienzgewinne und Wettbewerbsvorteile in der Beratung entscheidend sein könnten. Ansonsten bieten große Namen wie Wolters Kluwer Software mit Predictive Analytics Funktionen an.

6. Fazit

Nur die Zukunft wird zeigen, wie und ob sich der Einsatz von Vorhersagesystemen am Markt behaupten kann. Die Entwicklung steckt heute noch in den Kinderschuhen, hat aber sehr großes Potenzial, den Rechtsmarkt nachhaltig zu verändern. Erreicht Predictive Analytics ein Stadium, bei dem das Ergebnis einer Gerichtsentscheidung mit hoher Genauigkeit vorhergesagt werden kann, stellt sich die Frage, ob gewisse anwaltliche Tätigkeiten überhaupt noch benötigt werden. Die fundierte Einschätzung könnte sich ein potenzieller Mandant schließlich auch bei einem Softwareanbieter oder Legal Tech Unternehmen einholen.


[1] https://recode.law/recap-2-kamingespraech-predictive-analytics-in-der-justiz-ein-instrument-unserer-zukuenftigen-rechtsprechung

[2] https://www.lto.de/recht/kanzleien-unternehmen/k/legal-analytics-daten-big-data-rechtsanwaelte/2/

[3] https://www.lto.de/recht/legal-tech/l/frankreich-legal-tech-beschraenkung-predictive-analysis-verbotene-erkenntnis/

[4] https://www.hessenschau.de/panorama/amtsgericht-frankfurt-kuenstliche-intelligenz-hilft-bei-massen-urteilen,amtsgericht-roboter-100.html

[5] https://recode.law/recap-2-kamingespraech-predictive-analytics-in-der-justiz-ein-instrument-unserer-zukuenftigen-rechtsprechung

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