ChatGPT beeindruckt seit November die ganze Welt. Kochrezepte, Rap-Songs und Aufsätze auf akademischem Niveau – all das kann ChatGPT in Sekunden leisten. Für die Rechtsbranche schien es aber erst einmal so, dass der Chatbot hier noch unausgereift ist. Zum einen beziehen sich seine Antworten auf einen Lernstand von 2021 und zum anderen gibt ChatGPT keine Quellen an, sondern denkt sich manchmal sogar einfach eigene „Fakten“ aus (Halluzinieren). Für die juristische Recherche bringt er somit keinen Mehrwert … zumindest bis jetzt! Denn nun hat die Großkanzlei Allen & Overy verkündet, eine KI auf GPT-Modell im Kanzleialltag einzusetzen. Die Testphase ist bereits abgeschlossen und es zeigen sich enorme Erfolge, so der Entwickler bei einem Interview auf lawnext.com.

1. Wie kam es dazu?
Nun hört man in den letzten Wochen immer öfter, dass Open AIs ChatGPT auch Großunternehmen aufmischt. Doch ging es hierbei meist um Tech-Gigenaten wie Google und Microsoft. Wie kommt eine Anwaltskanzlei dazu, mit Open AI zu kollaborieren?
Hier zahlt sich aus, wer schon lange verstanden hat, dass Legal Tech kein Hype ist, sondern die langfristige digitale Transformation des Rechtssektors. Allen & Overy haben das bereits vor Jahren erkannt und so eigene Teams dafür gebildet, die täglich die Innovationen auf dem Markt überwachen und testen, was sich für die Kanzleiarbeit eignen könnte.
2. KI Harvey
Und so kommt es, dass A&O die erste Kanzlei ist, die das neueste Produkt von OpenAI nutzt: Die Anwalts-KI Harvey. Das zu Beginn unbekannte Start-Up hatte im November vergangenen Jahres einen Investitionsschub von 5 Millionen Dollar bekommen, unter Führung von ChatGPT-Entwickler OpenAI! Und so kommt es, das Harvey eben auch auf der neuesten Variante von GPT 3 basiert. A&O hatte bereits vor einigen Wochen eine Testphase angefangen und das Produkt großflächig von Anwälten testen lassen.

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3. Was ist an Harvey besonders?
KI ist in Großkanzleien seit Jahren im Einsatz, etwa zur Durchforstung von Verträgen, die hunderte Seiten lang sind. Der Unterschied bei Harvey ist, dass es sich bei ihm um eine generative KI handelt. Das bedeutet, Harvey kann nicht nur Sinnzusammenhänge zwischen Worten in einem ihm vorgelegten Text erkennen – er kann neue Inhalte produzieren! Das macht ihn goldwert für die Erstellung von juristisch komplexen Schriftsätzen unter Einbeziehung aller individuellen Faktoren etwa der Vertragsparteien, die einen Vertrag erstellt haben möchten.
4. Überraschende andere Fähigkeit
Doch überzeugt Harvey nicht nur durch seine Textgeneration. Auch in dem Feld, wo Kanzleien schon lange KI wie etwa KIRA einsetzen, überraschte der GPT-KI-Anwalt: Die juristische Recherche. Denn wo bei vorherigen Modellen die Suchanfrage exakt und auf die kleinste Stelle präzise formuliert werden musste, glänzt Harvey durch NLP, also Natural Language Processing. So können die Anwälte beinahe wie bei einem Chatbot die KI mehr als virtuellen Gesprächspartner nutzen und weniger als reine Suchmaschine. Harvey findet dadurch die relevanten Informationen deutlich schneller.

„Ich arbeite seit 15 Jahren an der Front der technologischen Innovation, aber soetwas wie Harvey habe ich noch nicht gesehen! Er ist ein Game-changer und zeigt die Power der generativen KI für die Rechtsbranche.“ – David Wakeling, Head of the Markets Innovation Group bei A&O (allanovery.com)
5. Ergebnisse der Testphase bei A&O und Fine Tuning
In der Testphase, die etwa seit November lief, haben rund 4000 Anwälte dem KI-Anwalt über 40.000 Suchanfragen gestellt! Dabei wurde Harvey in 50 Sprachen und in 250 verschiedenen Themengebieten befragt, so lawnext.com. Die Ergebnisse von Harvey hätten dabei an Intelligenz der Antworten und Präzision der Antwort auf die Frage alles übertroffen, was A&O bisher benutzt hatte.
Und auch typische Probleme von ChatGPT seien gelöst worden. So komme etwa Halluzinieren so gut wie gar nicht vor und zumindest ergäben sich bei Harvey seltener Fehler als bei Vergleichen mit seinen menschlichen Kollegen. A&O ist begeistert von der Technologie und startet nun eine intensive Trainingsphase, in der Harvey mit Kanzlei-internen Informationen wie Layouts oder Firmen-Policy gefüttert wird. Andere Kanzleien hätten zudem bereits sehr großes Interesse angemeldet, dem Vorreiter zu folgen.