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Wie sieht die Zukunft der Justiz in Deutschland aus? Ein Interview mit Legal Tech Experte Markus Hartung

Zur Person

Markus Hartung ist Rechtsanwalt, Mediator und Geschäftsführer der Kanzlei Chevalier Rechtsanwälte. Der frühere German Managing Partner von Linklaters ist Experte im Anwaltlichen Berufsrecht und seit vielen Jahren als Rechts-, Strategie- und Managementberater für Anwaltssozietäten tätig. Darüber hinaus arbeitete Hartung mehrere Jahre als Lehrbeauftragter und gibt regelmäßig Seminare, Workshops und Vorträge zur Digitalisierung der Rechtsbranche. Als Mitherausgeber veröffentlichte er im Jahr 2017 das Buch „Legal Tech: Die Digitalisierung des Rechtsmarkts“.

Erfahre mehr zur Person unter: www.markushartung.com

The Future of Digital Justice?

Herr Hartung, vor kurzem erschien die Studie „The Future of Digital Justice“. Die Studie zeichnet ein alarmierendes Bild hinsichtlich der Digitalisierung der Justiz: Deutschland hinkt 10 – 15 Jahre hinter den führenden Ländern hinterher. Wie können Sie sich dieses ernüchternde Ergebnis der Studie erklären? Herrscht in der deutschen Rechtsbranche eine „Digitalisierungs-Verdrossenheit“?  

Markus Hartung: Es fällt mir schwer, hier keine „politische“ Antwort zu geben – jedenfalls ist es sehr frustrierend. Die (Bundes- und Landes-)Regierungen der letzten Jahrzehnte haben nicht nur die Infrastruktur verrotten lassen (Bahn, Straßenbrücken, sonstige öffentliche Infrastruktur), sondern darüber hinaus die Digitalisierung völlig vernachlässigt. Warum war das so… wahrscheinlich war es eine Mischung aus Spardogmatik („schwarze Null“), Inkompetenz und Ignoranz. Hinzu kommt gerade im Bereich der Justiz ein lähmendes Zuständigkeitsgeflecht zwischen Bund und Ländern, verstärkt durch eine sehr deutsche Trägheit. Regierungen anderer Staaten waren einfach „besser“, jedenfalls mutiger und sind dem Thema Digitalisierung offen gegenübergetreten, mit Blick auf die ungeheuren Chancen, für die Verbesserung der Lebensverhältnisse, die sich da auftun. Jetzt liegen wir zurück, und niemand weiß, wie wir Tempo in die Entwicklung bekommen können, um nicht noch weiter zurückzufallen. Die anderen Länder bleiben ja nicht stehen und entwickeln sich auch weiter. Wir müssen also schon große Anstrengungen machen, um wenigstens den Rückstand zu halten.

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Stillstand oder Grund zur Hoffnung?

Gleichwohl stand das Thema Legal Tech in Deutschland im vergangenen Jahr nicht vollständig still. Das Legal Tech-Gesetz ist in Kraft getreten, das BGH-Smartlaw-Urteil ist ergangen und die große BRAO-Reform wurde verabschiedet, die in gut einem Monat in Kraft treten wird. Wie ordnen Sie diese Entwicklungen ein?

Hartung: Das Legal Tech-Gesetz und die neue BRAO bieten einen guten gesetzlichen Rahmen, in dem sich Kanzleien und Rechtsdienstleister weiterentwickeln können. Legal Tech ist längst nicht mehr so spektakulär wie noch vor einigen Jahren, und viele Kanzleien analysieren viel nüchterner, was durch innovative Technik für besseren Mandantenservice alles möglich wird. Gleichzeitig haben die Legal Tech Inkassodienstleister durch die Rechtsprechung des BGH deutlich mehr Beinfreiheit bekommen. Dadurch verstärkt sich der Wettbewerb. Das ist gut, denn es gibt Anwälten die Möglichkeit, zu zeigen, was sie alles drauf haben. Mandanten und Verbraucher haben heute viel mehr Auswahlmöglichkeiten als noch vor einigen Jahren, und das ist eine gute Sache.

Was können Kanzleien digitalisieren?

Sie selbst sind Rechtsanwalt und geschäftsführender Gesellschafter der Kanzlei „Chevalier“. Ihre Kanzlei versteht sich einerseits als klassische Kanzlei und setzt gleichzeitig in hohem Maße auf die Verwendung von Technik. Wie genau können sich das unsere Leserinnen und Leser in der Praxis vorstellen? Welche Prozesse haben Sie digitalisiert und an welchen Stellen, glauben Sie, sollte man an den herkömmlichen Methoden festhalten?

Hartung: Datenerfassung (Mandanten- und Falldaten), Datenauswertung, automatisierte Workflows bei Standardabläufen, innovative Servicetools für Mandanten (online Überprüfung von Abmahnungen, Lohnabrechnungen, Arbeitszeugnissen), Kommunikation – das sind alles Themen, die wir automatisiert ablaufen lassen. Aber wir sind auch immer als Ansprechpartner telefonisch erreichbar, und mandatsstrategische Themen werden immer persönlich besprochen. Das können Mandanten bequem von zuhause aus erledigen. Mandanten wollen ein gutes Ergebnis in ihrem Fall erzielen, immer wissen, wo ihr Fall momentan steht und wollen gut behandelt werden, suchen also ein gutes „Service-Erlebnis“. Das erreichen wir mit einer Mischung aus Software und persönlicher Betreuung.

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Wie sieht die Zukunft aus?

In Ihrer über 30-jährigen Karriere als Rechtsanwalt und Berater haben Sie einige Veränderungen auf dem Rechtsmarkt miterlebt. Worauf müssen sich Anwältinnen und Anwälte künftig in Sachen Digitalisierung der Rechtsbranche einstellen?

Hartung: Was durch Software erledigt werden kann, wird durch Software erledigt werden. Das gilt auch für die Justiz, die sich langsam, aber unaufhaltsam digitalisieren wird, weil die Rechtspflege sonst nicht mehr funktionieren wird. In der Anwaltschaft wird das bedeuten, dass anwaltliche Leistung eine Mischung aus manueller und softwarebasierter Arbeit sein wird. Wie immer bei Veränderungen gilt: Besser proaktiv mitmachen und gestalten anstatt ignorieren und sich verweigern.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Hartung!

Das Interview führte Joscha Biedebach.

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