Dass Legal Tech in der Rechtspraxis eine immer wichtigere Rolle einnimmt, steht außer Zweifel. Das Anforderungsprofil eines modernen Juristen setzt längst nicht mehr bloß digitale Grundkenntnisse, wie beispielsweise den Umgang mit einfachen Microsoft-Tools voraus. Besonders in größeren Kanzleien verschwimmen die Fachdisziplinen Jura und Informatik immer mehr und das Berufsbild entspricht nicht mehr dem, wie es vor 30 Jahren einmal gewesen ist. Ganz im Gegenteil zur juristischen Ausbildung: Hier hat sich in den letzten Dekaden sehr wenig geändert, so zumindest der allgemeine Eindruck. Doch ist das Studium wirklich so eingestaubt wie viele denken und stimmt es, dass Nachwuchsjuristen nicht angemessen auf die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte vorbereitet werden?
Auf einen Blick
- Die international vergleichende Studie eines deutschen Jura-Professors zeigt: Legal Tech spielt an keiner deutschen Universität eine ernstzunehmende Rolle
- Länder wie Großbritannien, USA oder Frankreich haben, was die Kompetenzvermittlung von digitalen Inhalten in der juristischen Ausbildung angeht, klar die Nase vorn
- Die Wissensvermittlung von Legal Tech geschieht in Deutschland größtenteils durch studentische Initiativen, die Interessierten Soft Skills im Bereich des digitalen Denkens und der modernen Arbeitswelt vermitteln
- Legal Tech Initiativen fungierten bereits als Sachverständiger in Landtags-Ausschüssen und drängen auf die verpflichtende Einbindung von Legal Tech in den Pflichtstoffbereich der Juristenausbildung
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Status Quo in den Hochschulen
Eine international vergleichende Studie des Universitätsprofessors Dr. Heribert M. Anzinger kam zu dem ernüchternden Ergebnis, dass Legal Tech in nahezu keiner deutschen Universität eine Rolle spielt. Zumindest was den Pflichtstoffteil der Ausbildung angeht. Zwar lassen sich an einigen Hochschulen im Rahmen von Schlüsselqualifikationen und Wahlfächern gewisse Kompetenzen aneignen. Der Kern der juristischen Ausbildung bleibt jedoch mangels Examensrelevanz von Legal Tech unberührt. Das stößt bei Vielen besonders deswegen auf Unmut, weil Länder wie Großbritannien, die USA, Kanada oder Frankreich in rasanter Geschwindigkeit zeigen, wie die Thematik in die Juristenausbildung aufgenommen werden kann.
Randnotiz: Der deutschlandweit einzige Bachelor-Studiengang im Bereich Legal Tech lässt sich an der Universität Passau absolvieren. Dabei werden den Studierenden umfassende rechtswissenschaftliche Kenntnisse verknüpft mit zentralen Kompetenzen der Wirtschaftsinformatik vermittelt, sodass diese am Ende einen Bachelor of Laws (LL.B.) in Legal Tech erwerben.
Außercurriculare Kompetenzvermittlung
Die veralteten Denkmuster und die Langsamkeit in der Umsetzung von längst notwendigen Reformen haben Studierende jedoch nicht davon abgehalten, sich mit aktuellen Digitalisierungs-Fragen der Rechtswelt zu befassen. In den letzten Jahren haben sich daher unterschiedliche studentische Initiativen und Vereine etabliert, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, auf die Wichtigkeit von Legal Tech aufmerksam zu machen und Studierenden grundlegende Soft Skills in den entscheidenden Bereichen zu vermitteln. Deutschlandweit verbreitete Initiativen wie recode.law, disrUPt law oder Legal Tech Lab Cologne schreiben dafür Aufsätze, veröffentlichen Podcasts oder organisieren Events und Workshops. Dass die Arbeit der studentisch geprägten Initiativen Wirkung entfaltet, zeigt sich anhand der Zusammenarbeit von recode.law mit der nordrhein-westfälischen Landesregierung. Vergangenes Jahr konnte die Initiative als Sachverständiger im Justizausschuss des Landtags ihre Expertise zu Legal Tech in der juristischen Ausbildung geben. Darüber hinaus fungierte der Verein als Impulsgeber in mehreren Fachkongressen zum Thema Digitalisierung der Juristenausbildung des nordrhein-westfälischen Justizministeriums.

„Die Vermittlung von Grundzügen im Bereich Legal Tech muss dauerhafter Bestandteil der Ausbildung zukünftiger Juristinnen und Juristen sein. Die Digitalisierung der Lehre muss weiter voranschreiten.“
Minister der Justiz (NRW) Peter Biesenbach
Fazit
Der Blick auf die Universitäten bestätigt die Vorurteile, die über den, in die Jahre gekommenen, Studiengang herrschen. Zwar bemühen sich einige Hochschulen, an die moderne Arbeitswelt angepasste Schlüsselkompetenzen in Sachen Legal Tech zu vermitteln, allerdings fehlt es noch immer an einem breit aufgestellten, verpflichtenden Wissenstransfer. Gleichwohl geben die zahlreichen, in Deutschland aufkommenden Legal Tech Initiativen und Vereine Grund zur Hoffnung. Die Relevanz der Thematik dringt bei den Studierenden durch, auch ohne, dass sie im Hörsaal etwas von Künstlicher Intelligenz, Big Data oder Automatisierung etwas mitbekommen haben. Es bleibt also abzuwarten und zu hoffen, dass Legal Tech durch den Einfluss der Studierenden künftig in den Juristenausbildungsgesetzen der Länder eine bedeutendere Ausprägung erfährt.
