Mit der Gründung des ersten Legal Tech Verbandes kam in den USA bereits im Jahr 1980 die Idee von Legal Technology als Optimierungsmöglichkeit des bestehenden Rechtssystems auf. Zwar dauerte es in anderen Ländern deutlich länger, bis Legal Tech Zuspruch erfahren hat, allerdings ist die Thematik mittlerweile weltweit angekommen. Dabei stellt sich jedoch die Frage: Ist ein bestehendes Rechtssystem die Grundvoraussetzung für die effektive Implementierung von Legal Tech oder kann Legal Tech allein das Fundament bilden, um überhaupt ein funktionierendes Rechtssystem gewährleisten zu können? Dieser Angelegenheit wollen wir auf den Grund gehen, indem wir einen Blick auf Legal Tech in Afrika werfen und schauen, welche Einflüsse das moderne Angebot von Legal Tech Dienstleistern auf afrikanische Rechtssysteme nehmen kann.
Auf einen Blick
- Legal Tech wird in westlichen Ländern häufig als Chance zur Effizienzsteigerung des bestehenden Rechtssystems angesehen.
- In Afrika verhilft Legal Tech die, teilweise nicht vorhandene, juristische Infrastruktur grundlegend aufzubauen.
- Afrikanische Legal Tech Dienstleistungen unterscheiden sich von Europäischen in den Bedürfnissen der Verbraucher, nicht jedoch in Innovativität.
- Legal Tech wird in Afrika als große Chance angesehen, um einer breiten Masse „Access to Justice“ zu verschaffen.
Kostenlosen Demotermin buchen
Lernen Sie die Funktionen und Einsatzmöglichkeiten der cloudbasierten Anwaltssoftware Legalvisio kennen! Jetzt registrieren und wir kontaktieren Sie, um einen Demotermin zu vereinbaren.
Problematiken und das Verständnis von Legal Tech
Unsere Vorstellung von Legal Tech ist heutzutage maßgeblich von Buzzwords wie Blockchain, Künstlicher Intelligenz oder Big Data (Legal Technology 3.0) geprägt. Gleichwohl erfasst Legal Tech im Ursprung Tools, wie beispielsweise die Online-Datenbanken von Beck-Online oder juris (Legal Technology 1.0), die für heutige Juristen nicht mehr wegzudenken sind. Aufgrund der enormen Unterfinanzierung vieler afrikanischer Justizsysteme, ist eine grundlegende juristische Infrastruktur oftmals nicht oder nur teilweise vorhanden. Während uns in Deutschland also die Frage beschäftigt: Wie kann Legal Tech bestmöglich das funktionierende Rechtssystem optimieren? Stellt sich in afrikanischen Ländern die Frage: Kann Legal Tech zu dazu beitragen eine funktionierende juristische Infrastruktur zu gewährleisten? Die Antwort: Ja, Legal Tech kann dazu beitragen! Die erste juristische Datenbank Äthiopiens entstand durch einen Jura Studierenden, der sich aufgrund des fehlenden Zugangs zu Gesetzestexten dazu entschloss, über mehrere Jahre sämtliche verfügbare Gesetze zu sammeln und einzuscannen, um diese letztendlich in eine eigenständig programmierte Datenbank für Studierende und Hochschul-Professoren systemisch zu hinterlegen.
Zugang zum Recht („Access to Justice”)
Neben der mangelhaften juristischen Infrastruktur ist der akute Personalmangel ein weiteres Problem, dass den Zugang zum Recht in einigen afrikanischen Ländern enorm erschwert. Während in Äthiopien auf 115 Millionen Einwohner rund 4.000 Rechtsanwälte kommen, liegt die Zahl in Deutschland bei 165.000 zugelassenen Anwälten. Aufgrund des schlechten Zugangs zum Recht versuchen Legal Tech Dienstleister in Afrika, Verbrauchern kostengünstige Alternativen zu ermöglichen, die Zugang zu Rechtsinformationen gewährleisten. Verfolgt wird dabei in der Regel der „low-tech“ Ansatz, sprich: Durch möglichst geringe technische Barrieren soll eine möglichst große Anzahl an Menschen erreicht werden. Hierzu Beispiele von Legal Techs, die den „Access to Justice“ in Afrika ermöglichen:
Das Unternehmen Sauti East Africa stellt kleinen und mittelständischen Unternehmen eine Informationsplattform zur Verfügung, die Echtzeitdaten über Marktpreise von verschiedenen Gütern auf unterschiedlichen afrikanischen Märkten liefert. Damit wird es den Nutzern möglich gemacht, nachzuvollziehen, ob es sich lohnt eine bestimmte Ware anzubieten. Darüber hinaus liefert das Start-Up relevante Rechtsinformationen, in den Bereichen Korruption, Gesundheit, Menschenrechten und grenzüberschreitendem Handel. Die „low-tech“ Strategie ermöglicht, dass Nutzer die Plattform via SMS, USSD-Codes oder per WhatsApp erreichen können und dadurch weder Internetzugang noch ein Smartphone benötigen. Durch die kostenlosen Informationen konnten bereits 90 % der Anwender neue Märkte erschließen und 68 % ihr Angebot an Verkaufsgütern diversifizieren.
Unternehmen wie JusticeBot (Uganda) oder Luma-Law (Südafrika) bieten kostenlose bzw. kostengünstige Rechtsberatung via Chatbot an. Die, durch Künstliche Intelligenz gestützten Bots, können eine Vielzahl an Nutzer-Angelegenheiten gleichzeitig behandeln und dadurch die Kosten für öffentliche zugängliche Rechtsinformationen minimieren. Einen ähnlichen Service bietet der Mental-Health Dienstleister Viamo in Ruanda an, indem sich die Opfer sexueller Gewalt an einenVoicebot wenden können und rechtliche Beratung erhalten.
Fazit
Ein Blick auf Afrika zeigt: Für Legal Tech braucht es kein Hightech. Die unterschiedlichen rechtlichen Bedürfnisse der Verbraucher führen dazu, dass sich das afrikanische Legal Tech Angebot in vielen Bereichen von dem Europäischen unterscheidet. Gleichwohl zeigen KI-Chatbots und Marktpreiserfassung per SMS, dass es im Legal Tech Bereich in Afrika weder an Kreativität noch an Innovativität fehlt. Angebote wie Online-Datenbanken oder kostenfreie Rechtsberatungen sorgen zudem dafür, dass mehr Menschen der Zugang zum Recht gewährt wird und bilden damit das Fundament für Rechtsstaatlichkeit in einigen afrikanischen Ländern.
