Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten verwundert es wohl kaum, dass auch technologische Fortschritte stets etwas schneller ankommen bzw. im größeren Rahmen durchgesetzt werden, als es in Deutschland der Fall ist. Und doch lohnt der Blick in die Vereinigten Staaten: Was dort groß wird „schwappt“ selbstverständlich etwas zeitverzögert auch zu uns herüber.

1. Legal Tech in den Law Schools
Und diese Zeitverzögerung ist längst verstrichen, denn in den USA fing der Boom des Legal Techs bereits deutlich früher an. Bereits 2017 wurde etwa an der New York Law School ein Buisness Institute eingerichtet, dass Jura-Studenten auf den Umgang mit Legal Tech in ihren zukünftigen Beruf als Anwalt vorbereiten soll.
Hierzu waren im Vorfeld Studien gemacht worden, die zeigen, dass sich bereits 2017 der US-Rechtsmarkt in einem großen Umschwung befand:
| Die meisten (68%) Kanzleien befanden Kenntnisse im Bereich technologisch-unterstützter Recherche und E-Discovery als großen Vorteil für Bewerbungen. Direkt gefolgt von Cybersecurity. |
| Ebenso wünschten sie sich zum Großteil (64%) von neuen Angestellten bereits Erfahrung im Legel-Tech-Feld. |
| Auf Platz 1 der Anliegen, die in Law Schools den Nachwuchs-Anwälten für eine erfolgreiche Zukunft im sich wandelnden Markt beibringen sollten, stand das Thema Legal Tech. |
| Auch bei Studierenden lagen die größten Interessen neben künstlicher Intelligenz bei New Emerging Technologis und der Implikation der Digitalisierung im Rechtsmarkt. |
Zur Einführung des Programms sagte der Dean und Präsident der NYLS Anthony W. Crowell, dass der Umbruch im Rechtsmarkt nur eine Frage der Zeit, und zwar kurzer Zeit, sei und sich eine jede Kanzlei darauf einstellen müsse, ihre Abläufe durch technologische Vereinfachungen zu digitalisieren. Dementsprechend müsste man auch in den Law Schools hierauf einen besonderen Fokus legen.
2. Der Spirit der USA beim Thema Legal Tech
Auch bereits in 2017 widmete sich der 68. Deutsche Anwaltstag dem Thema „Innovation and Legal Tech“ und reiste in diesem Rahmen in das Vorreiterland. Auffallend sei dort, das Motto „Legal Empowerment through technology“ setzt dabei auch Prioritäten:
„Save the public, not the profession!“, sagte Judy Perry Martínez
(American Bar Association Center for Innovation).
Dennoch herrsche keineswegs die Angst vor, dass durch den Einsatz von Technologie der Anwalt aus seinem Beruf verdrängt werden könnte. Vielmehr sei es die Pflicht der Anwälte, zum Wohle der Allgemeinheit Module und Möglichkeiten zu schaffen, Recht einfach durchzusetzen. Dabei würden nur solche Anwälte gefährdet sein, die diesen Fortschritt nicht mitgehen wollen. Aufzuhalten sei die Welle jedoch aufgrund der vielen Vorteile nicht!
3. Heutiger Stand USA vs Deutschland
Etwa 5 Jahre später sind die USA heute in diesem Feld deutlich weiter als wir. Nicht nur, dass aufgrund verschiedenster Faktoren die Start-Up-Welt der USA deutlich ausgeprägter ist – auch der Marktanteil, die wirtschaftliche Größe und selbst die Praxis ist deutlich fortgeschrittener.
Bekannt sind hier neben Großunternehmen und Entwicklungen von Legal-KI besonders die algorithmus-gestützte Entscheidungsfindung bei Gerichten. Ganz so wie in einem Sci-Fi-Blockbuster läuft es nicht ab, dennoch zeigt sich hier eine deutlich größere Akzeptanz in der Bevölkerung und technische Umsetzung in der Justiz.
4. Spezialfall Case Law bezüglich Legal Tech
Fairerweise muss an der Stelle jedoch auch erwähnt werden, dass die Unterschiede im Rechtssystem den USA dabei in die Karten spielen. Das Case Law lässt sich durch eine höhere Berechenbarkeit mit Blick auf vergangene Entscheidungen relativ leicht nachvollziehen. Die riesigen Datenmengen an Gerichtsentscheidungen aus der Geschichte können hier natürlich ausgezeichnet von einem Algorithmus analysiert werden oder wichtige Passagen einem Anwalt herausgefiltert werden.
5. Bedeutung für Deutschland
Doch mit der Entwicklung vielversprechender KI’s ist sich auch der 68. Deutsche Anwaltstag schon sicher: Auch im deutschen Rechtssystem wird ein drastischer Wandel nicht abwendbar sein. Der technologische Fortschritt hält nach Jahrzehnten ohne signifikante Veränderung schließlich auch im Rechtsmarkt ein. Und anstatt aussichtslos zu versuchen, diesen aufzuhalten, sollte man ihn wie im Silicon Valley vielleicht mehr als Chance verstehen und auch in Deutschland mit seinen Vorteilen nutzen und gestalten.